Zwischen Watzmann und Watt
Das flache Land zieht am Fenster des fahrenden Zuges vorbei. Der rhythmische Klang der Stahlräder, die sich über die blanken Gleise drehen, durchdringt das Abteil des Regionalzugs von Hamburg nach Niebüll. Es regnet, seit der Zug den Hauptbahnhof der Hansestadt verlassen hat. Regentropfen rinnen langsam an der Außenseite des Fensters hinab, obwohl der Fahrtwind versucht, sie immer wieder horizontal an den Rand zu drücken. Es gelingt ihm nicht. Zu schwer und widerspenstig sind die Tropfen.
Johannes sitzt mit verweinten Augen in einem Abteil und betrachtet die vorbeiziehende Landschaft. Sie ist fremd. Seine Eltern unterhalten sich angeregt. Vorfreude ist ihnen anzusehen. Ihr Sohn wendet seinen Blick ab – diese gute Laune ist nicht zu ertragen. Ohne dass man ihn gefragt hatte, wurde er aus seiner vertrauten Umgebung gerissen. Papa hätte die einmalige Chance, auf der Insel Sylt ein Restaurant direkt am Meer zu übernehmen. Mehr wurde nicht gesagt – und sie dachten, damit wäre alles geklärt.
Seit das Ortsschild seines Heimatortes Berchtesgaden hinter ihnen verschwunden ist, vermisst er seine Freunde, seine Schule und den klaren, tiefen Königssee, der, umrandet von steilen Felswänden, friedlich eingebettet in einer malerischen Landschaft liegt. Vor allem aber vermisst er den Watzmann. Erst im vergangenen Jahr hatte er dort seine erste Gipfelbesteigung geschafft – und das mit gerade mal 14 Jahren. Wie stolz er gewesen war, als er ganz oben gestanden hatte. Die saubere Bergluft – tief in seiner Lunge – und die uneingeschränkte Sicht bis über Österreich hinaus nach Italien. Unvorstellbar, dass es einen Platz auf dieser Erde geben könnte, von dem aus man weiter hätte sehen können – außer vielleicht der Mount Everest. Der Schrei eines Steinadlers klang noch in seinen Ohren, und ein einsamer Bartgeier zog majestätisch seinen minutenlangen Gleitflug über ihn hinweg. Die warme, aufsteigende Luft an den massiven Felswänden ermöglichte dem Vogel stundenlanges Gleiten in aufsteigender Thermik – kein Flügelschlag.
Ohne die vorüberziehende triste Landschaft wirklich wahrzunehmen, blickt Johannes aus dem Fenster. Statt der flachen, geradlinigen Kulturlandschaft sieht er vor seinem inneren Auge steil aufragende Felswände. Die typischen norddeutschen Knicks, die Felder begrenzen und als Windschutz dienen, verschwimmen zu saftigen Bergwiesen, auf denen statt schwarz-weißer Kühe die ihm vertrauten braun-weißen Wiederkäuer weiden. Ein kurzes, unscheinbares Lächeln huscht über sein Gesicht – kaum wahrnehmbar. Im Hintergrund, weit entfernt, hört Johannes das Lachen seiner Eltern. Mit jedem Kilometer, den sich der Zug der nordfriesischen Küste nähert, wird das Land flacher, und ein horizontweites Marschland erstreckt sich bis zur Nordsee. Ein Netz aus kleinen Kanälen und Gräben, die der Entwässerung dienen, durchzieht die weiten Salzwiesen. Die einzigen Erhöhungen sind Warften – künstliche Wohnhügel – und kilometerlange Deiche, die vor Sturmfluten schützen.
All das sieht Johannes nicht. Er träumt von hohen Bergen und tiefen Tälern, die wilde Bäche und kleine Flüsse über Millionen von Jahren geformt haben. Wasserfälle, deren Massen hundert Meter tief ins Tal donnern und ein weißes Gemisch aus Wasser und Luft entstehen lassen, beherrschen seine Gedanken.
Unaufhaltsam nähert sich der Zug der Kleinstadt Niebüll. Die nordfriesische Postkartenschönheit dient als Ausgangsort des Autozugverkehrs auf die Insel Sylt.
Beim Verlassen des Zuges wird Johannes von typisch reetgedeckten Häusern empfangen. Backsteingebäude mit mächtigen Strohdächern, die jahrhundertelang dem rauen Nordseeklima getrotzt haben, prägen die Altstadt. Johannes befindet sich plötzlich in einer völlig neuen Umgebung, die keine inneren Bilder der alten Heimat zulässt. Als wäre er beim Aussteigen durch ein märchenhaftes Tor geschritten, das seine bisherigen Gedanken gelöscht hat.
«Komm schon, Johannes!», hört er seine Mutter rufen. «Wir verpassen sonst noch den Zug nach Westerland.»
Während der mehrstündigen Fahrt mit dem ICE von München nach Hamburg vernahm er immer wieder das Wort «Westerland». Johannes googelte diesen Begriff und fand heraus, dass es der lebhafte und zentrale Hauptort der Gemeinde Sylt ist. Dort soll sich das Leben abspielen. Geschäfte, Cafés und Restaurants bieten an diesem Platz der High Society die Möglichkeit, ihr Geld zu verprassen – Sylt, die Insel der Reichen. Der Gedanke ließ ihm die Haare zu Berge stehen. Weder seinen Eltern noch ihm war Geld jemals wichtig gewesen. Sie hatten nie mehr als nötig – und trotzdem waren sie glücklich. Warum nun dieser Sinneswandel? Nichts wurde ihm gesagt. Das kleine Gasthaus mitten in Berchtesgaden lief gut – zumindest dachte er das immer. Er ist doch kein Kind mehr. Sie hätten ihn in die Entscheidung, in den Norden zu gehen, mit einbeziehen können. Vielleicht hätte er es verstanden.
Er fühlt sich schwer und träge. Eine Schwere, die er so noch nie gespürt hat. Seine Beine bewegen sich nicht vorwärts. Er muss es ihnen befehlen. Der schwere Koffer, den er hinter sich herzieht, sträubt sich ebenfalls, seine Zukunft auf der Insel Sylt zu fristen.
«Johannes, nun komm schon! Der Zug fährt ab!», schreit sein Vater ihm zu. Die Zugbegleiterin, die ihre rot-grüne Schaffnerkelle gerade nach oben halten möchte, fordert ihn auf, sich im Laufschritt in den Waggon zu bewegen. Ihm wird schwarz vor Augen, und sein Asthma macht sich bemerkbar. Die Pfeife der Bahnangestellten ertönt, die Tür des Waggons fällt krachend zu, und der Zug verlässt den kleinen Bahnhof von Niebüll in Richtung Westerland.
Johannes atmet schwer. Ein Rasseln tief in seiner Lunge erfüllt den Vorraum des Abteils. Er wünscht sich die saubere Bergluft zurück. Sie war Medizin für seine Atembeschwerden.
Johannes sieht, wie seine Mutter ihm wild mit den Armen zuwinkt. In Windeseile hatte sie den Zug bestiegen und drei Plätze im Abteil ergattert. Wie fürsorglich, denkt er bitter, während sein Vater die schweren Koffer in die Ablage wuchtet. Johannes nickt ihr zu. Er verspürt einen Widerstand, der sich durch seinen gesamten Körper zieht. Ohne weiter auf die Gesten seiner Mutter zu reagieren, bleibt er auf seinem Koffer sitzen. Die Lunge weigert sich weiterhin, die gewöhnungsbedürftige Luft zu akzeptieren. Johannes hält sein Asthmaspray fest in seiner Hand. Seit ihm sein Arzt dieses Mittel verschrieben hat, musste er es noch nie verwenden. Klare und saubere Bergluft war wirkungsvoller als jeder künstlich hergestellte Stoff. Johannes blickt durch das kleine Fenster der Waggontür und konzentriert sich auf die vorbeiziehende Landschaft. Sie hat sich verändert. Weite, feuchte Sandflächen, die teilweise durch riesige Wasserpfützen aufgelockert werden, reichen kilometerweit nach Süden. Kurz ist sich Johannes sicher, dass er das markante Bergmassiv seines geliebten Watzmanns sehen kann – aber schnell verschwimmt dieses Bild und löst sich vollständig auf. Er dreht sich um und sieht genau die gleiche öde Landschaft in nördlicher Richtung. Kein Baum, kein Strauch. Nur eine karge und langweilige Sandlandschaft, deren Abwechslung in unterschiedlichen Brauntönen besteht.
Der Zug gleitet immer weiter geradeaus in Richtung Nordsee, und Johannes hat das Gefühl, als ob er schweben würde. Erst jetzt erkennt er, dass er sich auf einem Deich befindet. Luft dringt langsam wieder in seine Lunge. Die Atemmuskulatur entspannt sich wieder. In den nächsten zehn Minuten bemerkt Johannes eine Veränderung. Die eben noch kleinen Wasserpfützen haben sich vergrößert. Inzwischen berühren sie sich und bilden gemeinsam keine Pfützen mehr, sondern kleine Seen, die wiederum zu noch größeren Seen verschmelzen. Nach einer knappen halben Stunde ist die gesamte braune Sandfläche von einer fast vollständigen Wasserfläche ersetzt worden.
Eine unbekannte Stimme hinter ihm erklärt: «Das nennt man Tide. Alle sechs Stunden zieht sich das Wasser zurück, und du siehst irgendwann den Meeresboden, dann kommt das Wasser wieder zurück. Das dauert auch wieder sechs Stunden. Ebbe und Flut wechseln sich ab – und das schon, seitdem ich denken kann.»
Johannes dreht sich zur fremden Stimme um und sieht in die trüben Augen eines alten Mannes.
«Jeden Tag ist zweimal das Wasser zu sehen und zweimal nicht?», fragt er verwundert.
«Genau. Solange es einen Mond gibt, wird es auch Ebbe und Flut geben», antwortet der alte Mann, und Johannes erkennt in seinem wettergegerbten, faltigen Gesicht ein kleines Lächeln.
Jetzt erblickt der alte Mann das Asthmaspray.
«Du kannst das getrost wegstecken. Hier an der Nordsee ist die Luft voller Salz. Das wird dir guttun. Glaub´ mir.»
Johannes sieht den Greis skeptisch an, und nach einer kurzen Pause spürt er tatsächlich eine weitere Verbesserung. Liegt das wirklich an der Luft? Wie kann Luft salzig sein?
«Wir müssen jetzt aussteigen», beendet der alte Mann abrupt das Gespräch mit dem Jungen aus Bayern.
In den nächsten Tagen sieht man Johannes stundenlang die kilometerlangen Sandstrände Sylts entlangschlendern. Zwischen den hügeligen Dünen und der blau leuchtenden Nordsee beobachtet er die schreienden Möwen, und manchmal glaubt Johannes, einen Steinadler oder Bartgeier zwischen den krächzenden Vögeln majestätisch entlanggleiten zu sehen. Wellen schlagen auf den Strand und ein weißes Gemisch aus Wasser und Luft bildet eine Gischt, die ihn an die Wasserfälle in seiner Heimat erinnern. Die Sicht reicht bis zum Horizont und noch weiter, als ob er auf dem Gipfel des Watzmanns stünde. Wie auf weicher Watte geht er über den feinen, weißen Puderzuckersand und blickt auf das verschwindende Wasser. Mit seiner Zunge fährt er über seine feuchten Lippen, und plötzlich schmeckt er sie – die salzige Luft. Der alte Mann hatte recht behalten.