Der steinerne Wächter
Die Bora fegte in heißen Böen über die winzige Felseninsel Otočić Čelice, die in der Bucht von Trogir wie ein vom Meer umspülter Wachposten lag.
„Endlich!“, rief Richard Johansson dem Wind entgegen.
Dieser antwortete mit weißer Gischt aus winzigen Wassertröpfchen, die Johansson wohlwollend mit dem Gesicht empfing. Die Hitze ließ das Wasser schlagartig verdunsten und hinterließ feine weiße Salzspuren auf seiner sonnengebräunten Haut. Richard fuhr mit der Zunge über die Lippen und schmeckte das raue Meer. Wie lange war er nicht mehr hier gewesen? Dieser Ort gab ihm ein Gefühl von Sicherheit. Es war seine Insel – wenn auch nur für diesen Moment.
Richard drehte sich um. Er sah hinauf zum kleinen weißen Leuchtturm, der wie eine blasse Säule den Himmel über einem Meer aus blauer Tinte stützte.
Magdalena, seine Frau, wartete am Fuße des Leuchtfeuers. Neugierig wie ein kleines Kind war sie sofort nach dem Anlegen am kleinen Kai zum Gipfel der Insel hinaufgelaufen. Sie umarmte den Leuchtturm, als wäre er ein vertrauter Mensch, den sie seit Jahren nicht mehr gesehen hatte.
Richard verspürte eine tiefe Zufriedenheit und Ruhe. Endlich konnte er diesen friedlichen Ort mit dem wichtigsten Menschen in seinem Leben teilen. Er wandte seinen Blick ab von den Segelbooten und Motorjachten, die ihre Wege vor der mittelalterlichen Stadt Trogir kreuzten.
Richard verließ seinen kleinen Aussichtspunkt – ein kleines Betonpodest, das über all die Jahre durch den Wind und das Salzwasser seine klaren Kanten verloren hatte. Johansson folgte den Stufen der verwitterten Steintreppe hinauf zu seiner Frau. Mit jedem Schritt atmete er den Duft von Oregano, Thymian und wildem Salbei tief in seine Lunge ein. Wie konnte es sein, dass sie zwischen den schroffen Felsen genügend für ihr Wachstum fanden? Dieser betörende Geruch mediterraner Kräuter, die nur hier in diesem Klima ihre volle Entfaltung erreichten, ließ ihn an eine längst vergangene Zeit denken – eine Zeit, in der er mit seinem kleinen Bruder und seinen Eltern Otočić Čelice zum ersten Mal erkundet hatte.
Viele kurze Gedankenfragmente blitzten auf, die sich langsam zu einer vollständigen Erinnerung zusammenfügten – Erinnerungen, die ihm ein kleines Lächeln auf sein salzbeflecktes Gesicht zauberten. Als Richard die letzte Serpentine des Weges hinter sich gelassen hatte, sah er Magdalena an die blasse Betonsäule gelehnt aufs weite Meer hinausblicken.
«Ich liebe diesen Ort», sagte sie verträumt, ohne ihn dabei anzusehen. Sie spürte seine Nähe. Magdalena kannte Richard, und sie wusste, dass er in diesem Moment glücklich war.
«Es ist mein sicherer Ort, den ich mir immer dann vorstelle, wenn es mir schlecht geht», sagte Richard und nahm sie von hinten in die Arme.
«Ich musste ihn dir zeigen.»
Magdalena drückte ihre Dankbarkeit aus, indem sie seine Arme fest an sich zog. An keinem anderen Ort hätte sie sich in diesem Augenblick sicherer gefühlt. Der weite Blick über das Meer bis zum Horizont, ein Leuchtfeuer, das Schiffen die ungefährdete Einfahrt in den sicheren Hafen wies, und die feste Umarmung eines Menschen, der ihr Geborgenheit schenkte.
Eine weitere heiße Böe erfasste sie. Die Nachmittagssonne brannte auf die Felsen, und das türkisblaue Wasser nahm die Hitze dankbar auf. Meeresströmungen kämpften gegen den stärker werdenden Wind an, sodass sich auf der Wasseroberfläche Wellen bildeten, in denen sich das Sonnenlicht spiegelte wie kleine Diamanten auf einem blauen Samttuch.
«Ich denke, wir müssen zurück», sagte Richard und durchbrach den magischen Moment. Bedauern lag in seiner Stimme.
Plötzlich vernahmen sie Motorengeräusche, vermischt mit dem Gesang einer Horde angetrunkener Männer und Frauen. Eine große schwarze Motorjacht näherte sich der kleinen Felseninsel und raubte ihr ihren märchenhaften Zauber.